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Himmelerde

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Eigentlich Maskentheater, letztendlich aber Liederabend in der Deutschen Staatsoper.

Handlung

Es ist schwierig, einen Handlungsstrang zu berichten, den gab es nämlich nicht so wirklich. Den roten Faden bildeten Lieder aus der Romantik, die “Tracklist” gibt einen guten Einblick:

 

Tracklist

Der Tod und das Mädchen – Schubert/Claudius

Mondnacht – Schumann/von Eichendorff

Seligkeit – Schubert/Hölty

Wehmut – Schumann/von Eichendorff

Der Weg – Grönemeyer

Die Stille – Schumann/von Eichendorff

Sehnsucht – van Beethoven/von Goethe

Wo die schönen Trompeten blasen – Mahler/Brentano/von Arnim

Das Wirtshaus – Schubert/Müller

Die Sonne scheint nicht mehr – Brahms/Schubert/von Eichendorff

Nächtliche Scheu – Webern/Dehmel

In der Fremde – Schumann/von Eichendorff

So ich traurig bin – Webern/George

Zwielicht – Schumann/von Eichendorff

Helle Nacht – Webern/Dehmel

Tutte le feste al tempio – Verdi/Piave

Ach Gott, wie weh tut scheiden – Brahms/von Eichendorff

Herbstlied – Bartholdy/Klingemann

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Zu diesen Titeln wurde performt, zu jedem Lied (live gesungen und mit der Franui Musicbanda aufgeführt) eine Szene, die teilweise ineinander übergingen, meistens aber relativ für sich standen. Die Personen auf der Bühne teilten sich ein in einerseits die Familie Flötz (ein Zusammenschluss von Theaterschaffenden aus aller Welt) mit ausdrucksstarken Masken: oft ein junges Mädchen in einem weißen Kleid, ein junger Mann, der mit ihr eine recht schüchterne Liebe teilt und eine alte Frau (die Mutter des Mädchens). Andererseits gab es noch andere, unmaskierte scharz gekleidete Performer, die die Szene unterstützten und oft wie ein Schatten der Figuren oder wie deren innere Stimme die Bewegungen mittrugen oder auch hin und wieder beeinflussten. Besonders einer dieser Begleiter war sehr präsent, vor allem durch auffällige Tanzeinlagen. Die einzelnen Szenen selbst hatten nicht besonders viel Handlung, die zeigten nur kleine Momente, die sehr oft mit Tod zu tun hatten. Zwischendurch auch mal schüchterne Annäherungsversuche zwischen Junge und Mädchen, die aber letztendlich nie in einer Vereinigung endeten; vor dem Händchenhalten drängte sich jemand dazwischen; vor dem Zusammensein ruft das Meer den Seemann und so weiter…

Kritik

Zwei Fehler habe ich vor vornherein gemacht: Ich war etwas müde. Und ich habe mir erzählen lassen, Familie Flötz macht ganz ausgefallene Darbietungen ohne Sprache, aber mit Masken und es ist auch irgendwie lustig. Das hat mich natürlich super neugierig gemacht. Leider war dann aber der Anteil dieses Außergewöhnlichen (“mal was anderes”) relativ gering. Zuerst einmal nahm der unmaskierte Typ, der modern über die Bühne ausdruckstanzte, sehr viel Raum ein und es war nur selten erkennbar, welchen Sinn das hatte. Und dann waren dann natürlich einfach die Lieder sehr stark. Das ist jetzt positiv zu sehen, denn die Sopranistin Anna Prohaska und der Bariton Florian Boesch waren weltklasse. Aber dadurch ist das Element, welches eigentlich diesen Abend am meisten herausstrahlen sollte – die stummen Figuren mit den eigentümlichen Masken und den feinen, zaghaften Bewegungen -, eigentlich untergegangen. Es war de facto ein Liederabend. Und ein ziemlich schwermütiger. Mit einer gewissen Müdigkeit 90 Min. romantische, melancholische Sehnsuchts-Lieder in dauernder Beerdigungsatmosphäre zu hören, ist auch ein wenig anstrengend. Ernsthaft, ich war gefühlt auf 10 Beerdigungen, wo sich fünf Schritte ewig hinzogen.

Ich wünscht’, es wäre schon Morgen,
Da fliegen zwei Lerchen auf,
Die überfliegen einander,
Mein Herz folgt ihrem Lauf.

Beispiel: 6 Personen sind auf der Bühne, geben sich eine Ewigkeit gegenseitig die gleiche Blume in die Hand. Irgendwann schreiten sie eine Ewigkeit quer über die Bühne, zwischendurch fällt immer einer ganz langsam hin und jemand steigt drüber. Am vorderen Rand nach einer Ewigkeit angekommen legen sich alle im Schneckentempo halb übereinander auf den Boden. Die letzte Person zieht eine Ewigkeit lang jeden einzelnen an den Armen oder Beinen wieder quer zur anderen Seite der Bühe zurück. Dort stehen alle im Schneckentempo einzeln wieder auf. In dieser Melancholie ganz stimmungsvoll anzusehen, aber ich möchte es nicht wiederholen.

Ästhetisch war das Ganze schon sehr schön, wie gesagt, der Gesang und die Musik waren toll, das Bühnenbild und die feinen Bewegungen in den bedeutungsschweren Szenen, das war schon atmosphärisch sehr dicht und packend, aber eigentlich ein bisschen zu viel davon. Zu viel reine Kunst. Zu wenig Greifbares (wie zum Beispiel eine Handlung oder etwas mehr Sinn oder Abwechslung oder oder oder…). Der folgende Satz fällt mir schwer zu schreiben, weil die einzelnen Elemente eigentlich wirklich toll erdacht und dargestellt waren: Irgendwie wurde mir nach ein paar Liedern schon langweilig.

Noch einmal möchte ich aber die herausragende Leistung der beiden Solisten würdigen und auch nicht verschweigen, dass sowohl der Beginn (Der Tod und das Mädchen, da hat die Szene auch zum Lied gepasst) als auch der Schluss, wo in einer ganz passenden und sehr schönen Szene letztendlich die Masken abgenommen wurden, mir sehr gut gefallen haben. Auch die Masken selbst sind zu loben, denn sie sind eine Eigenerfindung dieser kleinen Familie Flötz und auch in deren Wer kstatt hergestellt. Die Gesichter sind wunderbar ausdrucksstark, traurig und liebenswert anzusehen und immer mit einem leicht kindlichen Staunen versehen und mit einem kleinen Funken Hoffnung, der aber gerade schon verlischt. Ich sag ja, sehr melancholisch.

Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit,
Da ruhe ich auch, und über mir
Rauscht die schöne Waldeinsamkeit.
Und keiner kennt mich mehr hier.

Ich weiß nicht, ob ich Familie Flötz nochmal eine Chance geben möchte, vielleicht mit einem anderen Stück, ich habe nicht das Gefühl, dass ich viel von der eigentlichen Originalität dieser Darbietungsart gesehen habe. Der Abend hat mich leider eher enttäuscht.

Randnotiz

Die Aufführung beginnt mit Der Tod und das Mädchen. Zugegeben ein wunderbares Motiv der Romantik und wenn man mal darüber nachdenkt, ist es nie so recht aus der Mode gekommen: Musical Elisabeth, Rendezvous mit Joe Black, nicht zuletzt auch in Twilight und dem ganzen vampirischen Zeugs – Vampire sind ja quasi wie der Tod und irgendein Mädchen oder eine junge Frau verliebt sich immer.

Photo © Bern Uhlig

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